Eine Entscheidung für das ganze Leben!

Noch nie hatte ich so spontan und aus dem Bauch heraus ein Fahrzeug gekauft. Bis dato wurde abgewogen, gerechnet  und häufig Meinungen anderer gehört, bis eine Entscheidung feststand.

An dem Tag im Sommer 1985 war alles anders. Der Kauf meiner Laverda 750 SFC Electronica dauerte von der ersten Ansicht bis zur Zusage weniger als zwei Minuten.

Bei einem großen Gebrauchtteilehändler für Motorradersatzteile bei Bremen schaute ich in den 80er Jahren gerne mal in die Hallen, um mir einen Überblick zu verschaffen, ob irgend etwas Interessantes dort zum Ausschlachten aufgekauft wurde. Als ich im August 1985 auf den Firmenhof fuhr, sah ich für Sekundenbruchteile den Inhaber mit einem Motorrad durch eine Nebentür der Betriebshalle verschwinden. Die Außentür  führte in einen separaten Raum, der sonst verschlossen und nicht einsehbar war. Ich wusste, dort waren die edlen Privatmotorräder und sonstige Maschinen abgestellt, welche nicht von jedermann gesehen werden sollten. Ungewöhnlich schnell wurde der Zugang verriegelt und mit verdächtig schnellen Schritten ging der Firmeninhaber zu einem Unfallmotorrad. Ich hatte nur kurz das rote Heck des weggeschlossenen Motorrades gesehen und es kam mir bekannt vor, aber so richtig zuordnen konnte ich es nicht. Auf meine Frage, was er denn gerade ins Separee geschoben hatte, reagierte er erst  gar nicht. Ich ließ nicht locker, bis er genervt sagte, dass es eine umgebaute Laverda sei, die außerdem defekt wäre.

Ich wollte dieses Motorrad unbedingt sehen, doch dieser Mensch wollte es mir nicht zeigen. Warum auch immer? „Jürgen kommt noch und will sich die Gurke ansehen“, sagte mein Gegenüber plötzlich. Vermutlich wollte er mich damit besänftigen, doch er stachelte mich nur noch mehr an.

Jürgen war ein guter Freund und fuhr eine Ducati 900 und eine 250er Ducati auf Clubrennen. Was will der mit einer Laverda, dachte ich mir? Schließlich wurde meinem penetranten Drängen nachgegeben und die besagte Tür doch geöffnet.

 

Laverda 750 SFC – ein Motorrad pur!

Ich fiel aus allen Wolken. Vor mir stand der Inbegriff eines Motorrades. Eine rote Laverda mit einem ellenlangen Tank und einer Halbschalenverkleidung . Die kurze Einmann-Höckersitzbank hatte eine kleine Klappe und passte gut zum schmalen Tank. Mir fiel noch das zum Himmel zeigende Traktorenrücklicht auf, welches auch einem alten 11er  Deutz schmücken könnte. Trotzdem fügte sich alles perfekt zusammen. Der herrliche polierte Aludeckel  für den Anlasser- und Lichtmaschinenantrieb, sowie der getrennte Schaltautomat hatten etwas von einem englischen  Twin.

Plötzlich hörte ich den typischen Klang einer großen Ducati, die vor der Halle abgestellt wurde. Es konnte nur Jürgen sein. Jetzt war Eile angesagt. „Ich nehme sie!“, sagte ich schnell. Ohne Probesitzen, geschweige Probefahrt und ohne nach dem Preis und andere wichtige Dinge gefragt zu haben. Mein Händler des Vertrauens sah mich entgeistert an: „Der Anlasserfreilauf ist kaputt, die Zündbox auch und sie braucht eine Menge Öl. Die Teile für eine SFC sind teuer und kaum…. Siebensieben muss ich haben.“

Als ich diese Buchstabenkombination SFC hörte, sprangen meine Gedanken  im Zickzack. „Was war das eben? Hast Du SFC gesagt? „Weiß doch keiner genau, ob die echt ist.“ Meinte er noch mit nachlassendem Widerstand. Er wusste, dass es mich voll erwischt hatte. War es tatsächlich eine der seltenen, eigentlich orangefarbenen Laverdas, welche von Privatrennfahrern erworben werden konnten, um sie bei Motorradrennen einzusetzen? Diese Ambitionen hegte mein Freund Jürgen auch, aber er verwarf seine Pläne schnell, als er von der Vielzahl der technischen Probleme hörte.

„Drei Mille steckst du da noch rein, bis sie läuft!“ sagte er lapidar. Diese im Grunde genommen richtige Erkenntnis, wollte ich aber gar nicht wissen und überhörte es geflissentlich. Ich wollte nur eines! Dieses Motorrad haben! Alles andere war in diesem Moment unwichtig.

 

Eine sportliche schlanke Italienerin.

Vielleicht war es rückblickend ganz gut, dass ich nicht mehr Bedenkzeit hatte. Ein rational denkender Mensch hätte sich damals schwer getan, die positiven Punkte zu finden, die einen Kauf rechtfertigen. Am gleichen Tag wurde die Laverda noch zu meinem Elternhaus gebracht, wo ich mir in den Siebziger Jahren bereits eine eigene kleine Werkstatt auf dem Bauernhof eingerichtet hatte. Nach diversen Erfahrungen mit meinen drei bastelwütigen jüngeren Brüdern (Mofa, Moped etc.) sah mein Vater damals ein, dass ich einen eigenen abschließbaren Raum für meine Motorräder benötigte. Es war mein Heiligtum, Andachtsraum und meine Motorradwerkstatt zugleich. Hier konnte man zurückgezogen die Seele baumeln lassen und sich mit den „wichtigen“ Dingen des Lebens, z.B. Motorräder, beschäftigen. Diese Brutstätte meiner Leidenschaft existiert heute noch.

Dort machte ich  die erste Sitzprobe! Bisher aufrecht sitzend auf einer XT500 unterwegs gewesen, war ich doch ziemlich erschrocken darüber, wo die Extremitäten ihren Platz haben sollten. Die Betätigung der Kupplung erforderte Arme, wie die von Comicfigur Poppeye. An die Rechtsschaltung musste ich mich eben gewöhnen.

 

Eine Signorina mit einer Wespentaille.

Die Laverda wurde mit Mutters sauberen Bettlaken abgedeckt und eingeschlossen. Ich hatte gerade einen neuen Job in Westberlin begonnen und musste die SFC für eine Woche vertrösten. Nicht ohne vorher aus den meterhoch gestapelten, seit 1967 abonnierten Motorradzeitschriften, den im Gedächtnis gebliebenen Testberichte herauszufischen. Mit der Überschrift „Ein getrimmter Tourer“  in „Das Motorrad“ Nr.12 /1975 wurde meine Laverda ausführlich beschrieben. Ich nahm alles mit, was ich an Artikel über Laverda fand. In Berlin hatte ich noch keine Garage und so fuhr ich in der Anfangszeit fast an jedem Wochenende die 450km ins Ammerland nach Westerstede um mich mit der Laverda zu beschäftigen. Auf meinen Namen umgemeldet, unternahm ich die ersten kurzen Ausfahrten. Wegen des defekten Anlasserfreilaufs war das Starten ein Glückspiel. Hinterherfahrende Freunde berichteten von blauen Wolken aus beiden Auspuffrohren. Hinzu kamen noch Zündaussetzer beim Beschleunigen. Doch an manchen Tagen lief sie wieder einwandfrei.

Meine ständige Anlauf- und Informationsstelle in Sachen Laverda war Fa. Horstmann in Berlin. Der Fachmann mutmaßte, dass die Bosch-Zündbox der Übeltäter sei, für 323,-DM könnte er mir eine verkaufen. Ich hatte mich schon mit dem Kauf abgefunden, verschob es aber auf die nächste Woche.

Wieder in der Heimat, wollte ich noch eine Fahrt zu einem Treffen von italienischen Motorrädern unternehmen und dann die umfangreiche Reparatur beginnen.

Jan-Dieter Oeljeschläger
Redaktion: Bernd zu Klampen