Wie alles anfing

von Jan-Dieter Oeljeschläger

Es muss in einer lauen Sommernacht 1971 gewesen sein, als ich mit meiner Mofa Moto Guzzi Trotter 40 an der schnurgeraden Landstraße zwischen Bad Zwischenahn und Ocholt stand. Wieder einmal musste ich eine Zwangspause einlegen und die Zündkerze vom Bleifaden befreien. Meine ersten Erfahrungen mit diesem italienischen Zweirad waren alles andere als ermutigend.

Was sich aber in den folgenden dreißig Motorradjahren mit weiteren “Italienern” noch ändern sollte. Während ich die saubere Kerze wieder in den Mini-Zweitakt-Zylinder schraubte, hörte ich aus der Ferne motorradähnliche Töne. Ein gleichmäßiges an und abschwellendes lautes Auspuffstakkato mehrerer großvolumiger Viertakt-Einzylinder. Aber das war nicht alles! Dazwischen war noch etwas anderes. Irgendwas Kreischendes Kreissägenartiges!

Gebannt schaute ich in die Richtung; ca. zwei Kilometer entfernt konnte ich Scheinwerferlicht erkennen. Ich merkte gar nicht, dass ich noch meine Batterie-Lichtbrille auf der Nase hatte, welche bei nächtlichen Basteleien an meinem kleinen “Zerknalltreibling” sehr hilfreich war. Das rollende Inferno kam zügig näher. Beim Vorbeifahren konnte ich drei 250er BMW, Typ R 25, R 26, aus den 50er Jahren, mit M-Lenker erkennen. Abstand ca. 15 Meter, bei Enddrehzahl mit mindestens 120 km/h. Jede von ihnen hatte im Windschatten eine singende Kreidler mit einem langliegenden Fahrer am Rücklicht “kleben”.

Aha! Das waren sie also, die Jungs aus der Ortschaft Apen, von denen ich schon gehört hatte. Ich überlegte nicht lange und düste mit meiner Guzzi Mofa zur Dorfdisco nach Apen. Tatsächlich standen die obengenannten Motorräder vorm Eingang.

Die BMWs waren sportlich aufgemacht, rot lackiert mit selbstgebauten Höcker-Sitzbänken und Doppel-Auspuffrohren von Hoske und Bühler, damals ein Klangerlebnis der “besonderen” Art. Die drei Kreidler “Mopeds” standen spartanisch hochbeinig da, mit “kleinem” Kennzeichen, wie es auch an meiner Trotter Guzzi, eben für Mofas, notwendig war. In grellen Farben lackiert, mit kleinem runden Tank. Der typische Pressblechrahmen war bei allen drei höher gelegt mittels verlängerter Zündapp-Telegabel und Flacheisen (!) zwischen den hinteren Stoßdämpfern und den Aufnahmebohrungen. An den Gabelstandrohren waren direkt über der unteren Gabelbrücke Schellen-Lenkstummel angebracht.

Die “Sitzgelegenheit’ – Marke Kimmenspalter – bestand aus einer mit Skai-Leder bezogenen, etwas breiteren Dachlatte. Mit handlaminiertem Minihöcker, wohlgemerkt!

Was sind schon Äußerlichkeiten! Entscheidend ist der Antrieb! Serienmäßiger Dreigang-Gebläsemotor mit asthmatischen 4,3 PS ? Nix da! Der zog damals schon keine Sprotte vom Teller. Alle drei hatten den neuesten Fünfgang-Motor implantiert. Dessen nominellen 6,25 PS wurden durch den Anbau einer Rennbirne (Auspuff) und eines schräg in den Himmel ragenden offenen 22er DelOrtho Vergasers noch weitere Pferde hinzugefügt.

Ich fand die “Böcke” damals toll. Die Wörter “geil” und Bikes” hatten sich in der tagtäglichen Umgangssprache noch nicht etabliert. Hier war sie also, die Keimzelle der Ammerländer Motorradkultur. Zu der Zeit war das Aufkommen an richtigen Motorrädern in der Region sehr übersichtlich. Man erkannte damals noch am Klang, welches Motorrad sich näherte und wer eigentlich darauf sitzen müsste. Jahrelang fuhr an jedem Sonntagmittag eine blaue250er NSU Supermax an meinem Elternhaus vorbei. Das Küchenfenster wurde frühzeitig auf Kipp gestellt, um sie nicht zu überhören. Sobald ich die ersten sonoren Töne vernahm, flog der Esslöffel in die Hühnersuppe und ich stürzte nach draußen, um ja nichts zu verpassen. Jaah! Der Sonntag war gerettet.

Ein besonders seltenes Ereignis war, wenn eine blau-weiß-rote 750er Vierzylinder MV Agusta mit einem CLP-Kennzeichen vorbeiheulte. Die Schaltvorgänge konnte man kilometerweit hören. Ein unbeschreiblicher Klang. Ich wusste nur, dass sie einem Fahrlehrer aus Elisabethfehn gehörte. In Westerstede fuhren noch eine alte Norton, eine Yamaha 250 DS7 und eine BMW mit Beiwagen, das war’s!

In den nächsten beiden Jahren sollte sich dieses ändern. Der Motorradboom schwappte über. Die Testberichte der neuesten japanischen Motorräder von “Klacks” (Ernst Leverkus), dem Chefredakteur der einzigen deutschen Motorradzeitschrift “Das Motorrad”, wurden gierig aufgesogen. Schlag auf Schlag tauchten plötzlich in der Umgebung neue Motorräder auf. Neben den neuen Boxermodellen von BMW natürlich überwiegend japanische! Die großen “Reiskocher” machten gewaltig was her, und die komplizierte Technik hatte sich als zuverlässig erwiesen. Die italienischen Motorräder waren zu teuer und exotisch, und es gab außerdem kaum Händler im hohen Norden. In Apen / Augustfehn war die Dichte der Motorradfahrer eigenartigerweise besonders hoch. Es fuhren dort 1973 mehrere Honda CB750, CB500, Yamaha RD250 sowie diverse Boxer-BMWs.

Auch ich hatte mir mühsam das Geld für eine neue Honda 350 Zweizylinder zusammengespart. An fast jedem Wochenende trafen wir uns und machten gemeinsame Ausfahrten. Häufig ging es ins nahe Holland zu Theo Louwers, einem Motorradhändler kurz hinter der Grenze in Nordbroek. Dieser Händler hatte auf einem umgebauten ehemaligen Bauernhof all die interessanten Dinge für junge Motorradfahrer, die man bei uns in Deutschland noch nicht kaufen konnte.

Zum Beispiel gab es farbige Lederkombis und Vollvisierhelme von AGV, wie Agostini einen beim Grand Prix in Assen trug. Bei uns konnten wir nur wählen zwischen einem schwarzen Hängearsch-Harro-Lederanzug und einer schwarzen stinkenden Belstaff Wachsjacke. Als Sturzhelme gab es RÖMER Töpfe und BOERI-Eier. Hochinteressant waren auch 4in1 Auspuffanlagen und K&N” Rennluftfilter” (welches Rennmotorrad hat eigentlich Luftfilter?).

Von Theos Frau gab es immer heißen Kaffee mit Keksen gratis für die weitgereisten und häufig durchgefrorenen jungen Motorradfahrer und Mitfahrerinnen.

Nachdem sich mittlerweile eine feste Gemeinschaft mit gleichem Hobby und Interessen gebildet hatte, beschloss man sich einen Namen zu geben.

Im Frühjahr 1974 war es soweit, die “Motorradfreunde Ammerland”, kurz MFA wurden ins Leben gerufen. Am Anfang war es noch kein eingetragener Verein, denn dieser sollte sich erst mal bewähren. Mitgliederzahl damals ca. 15. Erst 1976 wurde der Verein als “Motorradfreunde Apen e.V.” korrekt eingetragen. Das Kürzel MFA blieb unangetastet.

Bis zum heutigen Tag stieg die Mitgliederzahl kontinuierlich bis auf 43 an. Von Beginn an wurde das Vereinsleben sehr aktiv gestaltet. Fahrten zu den damals noch wenigen organisierten Motorradtreffen wie:

  • Treffen der Oldenburger Motorradfahrer, abgekürzt “TOM” in Leuchtenburg,
  • Motorradtreffen in Carolinensiel, Organisation durch Kurdirektor Menking,
  • Treffen der Horex-Freunde in Huxfeldt bei Bremen,
  • Treffen in Zwolle, Holland,
  • Treffen in Hardenberg, Emsland,

um nur einige zu nennen, wurden meistens mit einem Pokal für den größten angereisten Club belohnt. Fixe Termine im Kalender waren Wochenendtrips zu den Motorrad-Weltmeisterschaftsläufen in Assen, Spa in Belgien und Anderstorp in Schweden. Hier wurden auf den Campingplätzen richtige Zeltstädte aufgebaut.

Neben dem Ausrichten der eigenen Motorradtreffen wurde die Öffentlichkeitsarbeit großgeschrieben. In Form von Beteiligungen an Gewerbeschauen und selbst organisierten Ausstellungen präsentierten sich die MFA. Dazu wurden Motorrad-Oldtimer sowie aktuelle Fahrzeuge der Vereinsmitglieder ausgestellt, um die Vielfalt der alten und neuen Motorradtechnik zu zeigen. Das Interesse der Bevölkerung war immer groß und man nutzte die Gelegenheit, in Gesprächen mit den Besuchern, das damals schlechte Bild des Motorradfahrers (neudeutsch: Image) zu verbessern.

Dieser Gedankenaustausch, oft bei Kaffee und Kuchen, ließen bei den Mitbürgern häufig eine Ängstlichkeit gegenüber den Fahrern dieser neuerdings furchtbar schnellen Maschinen erkennen. Um diese Furcht nicht noch durch provokatives und martialisches Auftreten zu verstärken, war man sich einig auf die damals in Mode kommenden “Kutten” mit Vereinsemblem zu verzichten. Es war ein ungeschriebenes Gesetz im Verein, sich möglichst unauffällig und “normal” zu verhalten, aber trotzdem Spaß am Motorradfahren zu haben.

Einen sehr großen Anteil des guten Ansehens des MFA, im Ammerland und bei auswärtigen Clubs, haben die weiblichen Mitglieder erarbeitet. Frauen waren von Anfang an zahlenmäßig gut vertreten, und zwar nicht nur als Sozia im Verein zwangsrekrutiert, sondern als aktive Selbstfahrerinnen.

Viele Aktionen wurden von ihnen angeregt und schließlich auch organisiert. Die immer größer werdenden riesigen Treffen in Apen bis zum Ende der siebziger Jahre wären ohne die Ruhe und Übersicht der weiblichen Mitgliederschar nicht möglich gewesen.

In den achtziger Jahren flachte das Interesse vieler Mitglieder am aktiven Vereinsleben rapide ab. Es war die Zeit der Familiengründungen und des Hausbaus. Die Zeit und Geld für das nicht billige Hobby wurde anderweitig benötigt. Trotzdem blieben die meisten Motorradfreunde als passive und beitragszahlende Mitglieder dem Verein verbunden. Zumal man immer zur jährlichen Startparty eingeladen wurde und beim obligatorischen Grünkohlessen gemeinsam feiern konnte.

Nach wie vor geht diese Veranstaltung zum Saisonauftakt (welche Saison eigentlich) immer mit großer Beteiligung vonstatten. Eines der Programmpunkte ist seit jeher eine Preisverleihung für besonders aktive Mitglieder, in Form von Pokalen für die meisten angefahrenen Treffen und sonstigen Veranstaltungen des vergangenen Jahres.

Um die immer größer werdende Besucherzahl des jährlichen Motorradtreffens besser in den Griff zu bekommen, entschloss sich der Vorstand und “harte Kern” des MFA, den Termin zu verlegen und durch Verschickung von Einladungen eine überschaubare Größe zu bekommen. Diese Vorgehensweise wurde bis heute beibehalten und hat sich bewährt. Rein zwangsläufig ergab sich, dass durch eine gewisse Selektion nach den “wilden” Jahren, die folgenden Treffen fast erholsame Familienzusammenkünfte waren und noch sind. Muss man doch feststellen, dass die vielen langjährigen Stammbesucher zusammen mit den Veranstaltern alt geworden sind. Neuzugänge jüngerer Motorradfahrer waren auch im Verein kaum zu verzeichnen. Seit Jahren steigt der Altersdurchschnitt des normalen Motorradfahrers, diese Entwicklung ist allgemein erkannt.

Sitzen wir alten Biker mit siebzig nur noch mit Gleichaltrigen am Lagerfeuer oder vorm Hotel in der Sonne? Reden von vergangenen Zeiten, als wir Benzin noch in Adrenalin umgewandelt haben. Wer es nicht glaubt, der fahre mal im Juni in die Dolomiten und sehe sich die motorradfahrenden Greise selber an. Aber es gibt auch Lichtblicke!

1998 gab es einen Generationswechsel im Verein! Anlässlich der Jahreshauptversammlung wurde Stefan Dettmers, der Sohn eines Gründungsmitglieds zum Präsidenten gewählt. Bei seiner Geburt 1975 ist er bereits von seinen Eltern als Mitglied im Verein gemeldet worden und hat bereits als Kind im Beiwagen ganz Europa bereist. Bessere Voraussetzungen, um auch später dem Motorrad verbunden zu bleiben, kann man nicht schaffen. Mit neuen Ideen und Durchsetzungsvermögen, dazu eine starke Frau an seiner Seite, gibt er den Motorradfreunden Apen frischen Schwung.

Ein weiteres Highlight, der zweiten Generation, gehört in die (noch) ungeschriebenen Geschichtsbücher des Vereins: Andreas Heese, Sohn von Andrea und Bernhardt Heese, Vereinsmitglieder der ersten Stunde, wird im Jahr 2001 Deutscher Meister im hart umkämpften Shell-R6-Cup. Ein Wettbewerb mit 600 ccm Yamaha Motorrädern.

Unter den dreiundvierzig Mitgliedern des Vereins sind natürlich einige dabei, die kein Motorrad mehr besitzen, oder auch nie eines besessen haben. Dies war in den vergangenen dreißig Jahren nie ein Problem. Wichtig ist die Gemeinschaft, hier in Form eines Motorradvereins, und die Pflege der in drei Jahrzehnten gewachsenen Beziehungen und Freundschaften.

Motorradfreunde sind und bleiben sie alle!

Jan Dieter Oeljeschläger

Redaktion: Bernd zu Klampen