“Bettlektüre”

Der Tag im Herbst begann früh am Morgen vielversprechend. Mein Bäcker, bei dem ich fast täglich zwei Brötchen und eine Zeitung kaufe, hatte eine neue Angestellte. Eine Bäckereifachverkäuferin der angenehmen Art. Sehr leise und ohne viel Getöse wurde ich bedient. Sie war das krasse Gegenteil ihrer Vorgängerin. Diese war höchstwahrscheinlich an entzündeten Stimmbändern erkrankt. Wie die Frau mit ihrer laut kreischenden, keifenden und nervtötenden Stimme um sieben Uhr auf ihre schlaftrunkenen arglosen Kunden eingedroschen hatte. Unbeschreiblich!- “Guuteen Mooorgen!” Palaver, sabbel, keif. “Tschüüss und Schöönen Tag noch!” Alle verließen mit weit aufgerissenen Augen, wachgeprügelt kerzengerade den Laden.

Der Arbeitstag verlief ungewöhnlich ruhig. Es gab keine Hektik, keine unnötigen Kleinkriege und wenig Termine. Die Zeit plätscherte zügig vorbei und ich ging verhältnismäßig früh nach Hause.

Daheim gab es nichts besonders Wichtiges zu tun. Auch fehlte der Antrieb und die Lust in der dunklen Novemberzeit. Man könnte eigentlich ein Motorrad fit machen fürs nächste Jahr, aber es reichte dann doch nur zu einem Blick in die Meditations- und Andachtsräume (Werkstatt), ob noch alles am Platz ist.

Also ging ich den Weg des geringsten Widerstandes. Schob eine Pizza Hawaii in den Ofen, schaltete den Fernseher an und legte mich aufs Sofa. Irgendwann am Abend muss ich eingeschlafen sein und wachte schließlich um 01:00 Uhr nachts mit völlig verrenkten, steifen und kalten Gliedern auf.

Verstört ging ich zu Bett und war ab dem Zeitpunkt hellwach. Von Müdigkeit keine Spur. Ich schaltete den Radiowecker ein und schaute mir durchs Fenster den Sternenhimmel an. Bei den 2-Uhr-Nachrichten schoss es mir wie ein Blitz in die grauen Zellen. “Ich Idiot!” Da verplemperte ich den ganzen Abend und dachte nicht daran, den Briefkasten zu leeren. Wir hatten den 1. Dezember, und eine aktuelle Ausgabe der “Kurve” müsste vom Syburger Verlag mit der Post gekommen sein. Die Redaktion dieser regionalen Motorradzeitschrift wollte mir wegen eines Artikels ein Belegexemplar schicken. Na, da konnte ich doch noch kurz einen Blick rein werfen.

Nur mit kurzem Shirt bekleidet ging ich, ohne Licht zu machen, zur Haustür. Ich öffnete sie nur einen schmalen Spalt, um zu sehen, ob die Luft rein war. Meine nächsten Nachbarn hatten ihre Außenbeleuchtung ausgeschaltet, und es war stockfinster. Ich konnte es also wagen und huschte dicht an der Hauswand entlang, keine drei Meter bis zu meinem Briefkasten. Ich fummelte den kleinen Schlüssel ins Schloss und fingerte schnell das Heft aus dem Kasten, als ich plötzlich eine dumpfe trockene Erschütterung mit meinem Allerwertesten an der Außenwand verspürte.

Zeitgleich hörte ich eine zentnerschwere Tropenholztür mit voller Breitseite saugend ins Schloß fallen. Das geöffnete Schlafzimmerfenster im Obergeschoss wurde mir zum Verhängnis. Ein sanfter Luftzug hatte ganze Arbeit geleistet.

Jetzt stand ich fast nackt, draußen in der nassen Kälte, die Motorrad-Zeitung als Feigenblatt zwischen den Lenden und überlegte krampfhaft, wie ich wieder in mein Bett kommen konnte. Sollte ich meinen Freund und Nachbarn aus dem Bett klingeln, der einen Hausschlüssel von mir verwahrte? Dazu hätte ich an zwei Häusern vorbeilaufen müssen, bei schummriger Straßenbeleuchtung und freie Sicht von allen Seiten. Nee! Auf keinen Fall wollte ich mir die Blöße geben. Langsam kroch die Kälte an mir hoch. Da erinnerte ich mich, dass ich vor Jahren einen Schlüssel für die Nebentür zur Garage irgendwo im Geräteschuppen deponiert hatte. Aber ob der noch da war? Jedenfalls keimte etwas Hoffnung in mir, ohne großes Aufsehen aus dieser misslichen Lage zu entkommen.

Vorsichtig schlich ich zur ersten Hausecke. Ganz nah an der Mauer entlang, um nicht in den Erfassungsbereich des Bewegungsmelders zu kommen. Es war fast geschafft, als ich ein leises “Miau” hörte. Es war der dicke fette Kater meines Nachbarn, der mir regelmäßig voller Stolz die gefangenen Feldmäuse vor die Terrassentür legt. Beschwörend dachte ich: “Bleib wo du bist. Miststück.” Aber dieses Viech war einfach zu neugierig. Das Untier kam direkt auf mich zu und aktivierte im nächsten Moment meine Rundumbeleuchtung. Angestrahlt wie die Freiheitsstatue in New York stand ich einige Sekunden wie angewurzelt da. Aschfahl mit der “Kurve” zwischen den Beinen muss es ein Bild für die Götter gewesen sein. Mit der einen Hand mein kurzes Hemd (Eterna Feinripp Standard) über die Hinterbacken gezogen und mit der anderen die “Kurve” im vorderen Bereich schützend positioniert, lief ich barfüßig und zügig hinters Haus. Von der nahen B 3 hupte irgendein Verkehrsrowdy mitten in der Nacht zweimal, als ich unter Festbeleuchtung mit hochgestreckten Armen und blankem Hintern die Geräteschuppentür entriegelte. Im überfüllten Raum konnte ich mich noch kurz orientieren, dann schaltete sich die Außenbeleuchtung ab. “Warum läuft die Katze jetzt nicht durch den Bewegungsmelder?” dachte ich. Eigentlich sollte schon seit ewigen Zeiten eine Leuchte im Geräteschuppen installiert sein. Es war mehr als dunkel in der Hütte und zudem gefährlich. Zum Ende des Jahres sehen derlei Räumlichkeiten überall gleich aus. Vollgestopft mit den üblichen Gartengerätschaften, meistens nicht ordentlich an den Wänden aufgehängt, sondern willkürlich in die Ecken geworfen. Harken und Hacken mit den Zinken nach oben zeigend, einladend zum Drauftreten weggestellt. Viel Müll und Kleinkram in einem Schüttwinkel von 45 Grad an den Wänden angehäuft.

Nachdem ich über den Rasenmäher und den Laubsauger gestiegen war, blieb nur wenig Platz, wo man sich gefahrlos bewegen konnte. Zentimeterweise tastete ich mich voran. Immer wenn die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos etwas Licht durchs Fenster in die Hütte brachten, hatte ich einige Sekunden Zeit einen kontrollierten Schritt zu machen. Trotzdem trat ich mit meinen blanken Füßen in manches undefinierbares Zeugs.

Die Suche nach dem Hausschlüssel dauerte ewig. Neben dem “Giftschrank”, zur Aufbewahrung von Unkrautvertilger, Moos-Ex, Ameisen-Lockdosen, Paral etc., an einem Ständer, war ein kleiner mittlerweile verrosteter Nagel. Dort fühlte ich einen einzelnen Schlüssel, nachdem ich mit den Fingern im dunkeln diverse Spinnengewebe durchgerührt hatte.

Erleichtert tastete ich mich vorsichtig zurück zum Eingang. Fast unversehrt nutzte ich die im Moment autofreie Zeit auf der Bundesstraße, um ungesehen schnell ins Haus zu kommen. Zügig veriegelte ich die Schuppentür und wollte mit einem kurzen Sprint über die Terrasse zum Nebeneingang laufen. Da passierte es!!

Ich befand mich gerade in der Beschleunigungsphase, als ich mit dem linken Fuß auf etwas sehr Spitzes und Hartes trat. Mit irren Schmerzen stelzte ich auf einem Bein durch die Garage in den Hauswirtschaftsraum.

Mit einem Bein auf der Spüle bot sich mir folgendes Bild. Die linke Fußsohle war bedeckt mit Altoel nebst Bindemittel, Mäuseködel und Gras. Im Fußballen zwischen dem großen und zweiten Zeh blinkte mir aus dem Dreck eine neue gelb eloxierte M8 x 16 Karrosserieschraube mit einer großen Unterlegscheibe wie eingeschraubt entgegen. Diese kam mir bekannt vor und sollte eigentlich ein Blech am selbstgebauten Laubsauger halten. Die selbstschneidende Blechschraube konnte ich nur durch vorsichtiges Drehen entfernen. Die Blutung hielt sich in Grenzen.

Mit gewaschenen Füßen, einem großen Pflaster und einem Geschirrhandtuch um den linken Treter humpelte ich die Treppe hoch ins Schlafzimmer. Wo war denn der Grund allen Übels, die “Kurve” abgeblieben? Na toll! Die Zeitschrift hatte ich bei der Schlüsselsuche im Geräteraum auf die Mülltonne gelegt …

Jan  Oeljeschläger

Redaktion: Bernd zu Klampen