Straßenkampf!

Der Sommer ist zu Ende und jetzt wird es feucht und kalt. Die Motorradsaison (welche Saison eigentlich) scheint vorbei zu sein. Aber für knallharte Siebzigerjahrebiker kommt ab jetzt die Zeit, wo einem nicht mehr die Motorräder der Hypersport-Kategorie den Weg versperren, auf der Suche nach ihrer persönlichen Kurvenideallinie.

Wie der Yamaha R1 Fahrer, der mit seiner überdimensionierten schwimmend gelagerten innenbelüfteten  Achtkolben-Doppelscheibenbremsanlage mit 80km/h Überschussgeschwindigkeit, ca. 50 Meter vor der Hundekurve, mit zwei Fingern auf dem Bremshebel, das Hinterrad 1m hoch,  innen an unserem Motorradfahrer im gesetzten Alter vorbei gestochen war. Für ihn war dieses antiquierte goldfarbene Gefährt nur eine weitere Standuhr, die es zu überholen galt. Doch dann verließ ihn erst der Mut und dann die Straße. Mit einem sauberen Strich passierte die Honda 750 Four den Kamikazeflieger wiederum innen und trat mit dem linken Fuß den dritten Gang rein, dass der Schalldruck der vier Auspuffrohre ihn ein zweites Mal ins Grüne pustete. Mühsam versuchte der 190er Radialreifen auf dem Grasstreifen Grip aufzubauen. Den Kurzhubgasgriff bis zum Anschlag, ließ der gestresste Samstagnachmittagbiker die gesamten 166 PS  zum Appell antreten. Er hatte die 22.000 Euroditscher doch nicht mit 0,9% und 72 Monatsraten finanziert, um sich von einer 33 (dreiunddreißig) Jahre alten Honda (einen blas…ähh) verblasen zu lassen. Schwer beleidigt holte die Yamsel tief Luft durch ihre Ansaugkanäle und saugte sich quasi zurück auf die Fahrbahn. Mit beiden Beinen wild rudernd, im falschen Gang und rauchender Kupplung, versuchte der „Streetfighter für Arme“ das Leuchtspurgeschoß zu bändigen. Das durchdrehende morastige  Hinterrad beförderte den überflüssigen Dreck mit Hilfe der Zentifugalkraft direkt auf den Rücken der neuen D.L. Pro-biker Buckel-Lederkombi. Nach der erfolgreichen Selbstreinigung und einem brutalen Gangwechsel schnupperte der Speedbolzen wieder Asphalt unter den Breitreifen. Mit einem gewaltigen ungewollten Slide wedelte der Hobel mit lautem Getöse, anders kann man den Krach aus der Zubehör-Auspuffanlage nicht bezeichnen, der  Honda Four hinterher. Jede Gangstufe wurde fünfstellig bis zum Schaltblitz ausgedreht, um verlorenen Boden wieder gut zu machen. Dieser Schaltblitz wurde extra für Tunnelblickinhaber entwickelt, aber bei 241 km/h wird jede von Bäumen gesäumte Landstraße zum Tunnel. Es wäre fatal, den Drehzahlmesser zu beobachten, beim Hochschalten in den sechsten Gang, wenn der kleine rote Punkt im „Tunnel“ in Sekunden zu einem riesigen Mähdrescher mutiert.

Man muss so schnell sein, dass dem Bauern auf seinem 11er Deutz gar kein Abbiegevorhaben auf seinen Acker gelingt in der kurzen Zeit, war sein Credo.

„Du siehst ihn und schon bist Du vorbei.“ Richtiger wäre: “Du siehst ihn und schon bist du tot“.

Der Tiefflieger mit seiner R1 holte  den Motorradfahrer mit seiner CB750 Four auf der schnurgeraden Landstrasse schnell ein. Mit einer absurden Geschwindigkeit überholte er und verschwand hinter einer Biegung. Zwangsläufig schaute dieser in den folgenden Kurven in die Vorgärten. Es hätte ja sein können, dass der Biker…. Hecke auf, Motorrad durch, Hecke zu….dort irgendwo liegt.

Jan-D. Oeljeschläger

Redaktion: Bernd zu Klampen