Eine ganz normale Ausfahrt!

Der Himmelfahrtstag, zugleich als Vatertag bezeichnet, bietet sich für eine Motorradtour an und deshalb plante ein Arbeitskollege genau an diesem Tag eine Ausfahrt.

Seit geraumer Zeit wurde an der Vatertagstour geplant und eine Route mit einigen Stopps ausgearbeitet. Es sollte mit mehreren Teilnehmern stattfinden und abseits der Autobahn auf Landstrassen ins Grüne führen. Es wurde eine schöne ruhige Ausfahrt versprochen.

Der Organisator hatte sich nach vielen motorradlosen Jahren einen Traum in Form einer BMW 1200 Cruiser erfüllt und wollte seine Freude mit Gleichgesinnten teilen.

Es sollte um 9:00 Uhr am verabredeten Treffpunkt losgehen. Aber es war mittlerweile schon 9:30 Uhr; als immer noch Motorräder auf den Platz rollten. Ein bunter Haufen mit den unterschiedlichsten Motorrädern aus allen Epochen fand sich ein. Es schien, als wären fast alle Motorbauarten vertreten, die von der Motorradindustrie jemals unters Volk gebracht wurden. Die Leistungsspanne fing bei 20kW einer kleinen Yamaha Virago an und endete sicher bei weit über 100kW einer 1300er Tourenmaschine. Teilweise geliehene Motorräder und gefahren von Gelegenheitsbikern, wie einige Jagdfreunde, welche den Hochsitz zur Abwechslung einmal mit dem Motorradsitz getauscht hatten.

Auch die „Kleiderordnung“ war sehr durchwachsen. Sie reichte vom Turnschuhlook mit Jeans und Windjacke, bis zum wasserdichten Fahranzug.

Es waren schon vierzehn Motorräder versammelt und es fehlten immer noch Biker, die zugesagt hatten, mitzufahren.

Vielen Leuten kam die Verzögerung gerade recht, um noch einen kleinen Wartungsdienst durchzuführen und dabei noch dieses und jenes zu überprüfen. Andere sahen noch die Möglichkeit, schnell eine Zigarette zu rauchen. Es wurde nach Kettenspray gefragt, zu wenig Reifenluftdruck festgestellt und ein anderer suchte seinen 11er Maulschlüssel.

Es hatte gewissermaßen einen Hauch Fahrerlager kurz vor dem Rennen. Zwei dynamische Jungbiker machten das achte Mal, den „springt sie an und läuft sie noch Test“ mit ihrer Honda Fireblade. Redeten dabei auf eine BMW F650 Fahrerin ein und gaben Fahrtipps, obwohl die ruhig wartende Dame nicht den Eindruck machte, als wenn sie es ausgerechnet von diesen beiden nötig hätte.

Die ersten verbalen Auseinandersetzungen zwischen Partnerschaften fanden statt. Thema: Haus, Hund, Kinder, Geld etc.! Die Sozia war wohl selten so nah am Mann, also nix wie ran  und alles raus. Einen großen Vorteil für derlei „Gespräche“ bot das zur Verfügung stehende „rollende Münchner Einzimmerapartment“ a la BMW K1200LT mit installierter „Gegen“- Sprechanlage vom rückwärtigen Kommandositz zum ausgelieferten Fahrzeugführer. Praktischerweise können alle Probleme beim entspannten Gleiten durch die Natur tiefgründig besprochen werden. Kurze Hinweise von hinten zur Verkehrssituation „entlasten“ den Fahrer beim Rangieren mit der 500Kilo-Fuhre ungemein. Mit der passenden Musikbeschallung vom 10-fach-CD-Wechsler, wie z.B. Karl Moik, James Last, Hermann Löns und Grethe Weiser, haben auch alle Passanten was davon. Da sehnt sich der gestresste Motorradfahrer nach eine Tankpause, um einige ruhige Minuten auf der Raststättentoilette zu sitzen.

Mittlerweile war es nach zehn, als sich die Meute aufraffte und es unter kundiger Führung unserers BMW Cruiser Fahrers mit Navigationshilfe, über gute kurvige Nebenstraßen und Landstraßen ging. Nach ungefähr fünfzehn (15) Kilometern war der erste Stopp bei einer Tankstelle! „Sie haben das erste Ziel erreicht!“ Wird die Navi-Else dem smarten Cruiser ins Ohr geflüstert haben.

Die Hälfte der Motorräder wurden nicht betankt. Entweder, weil der Tank bei Fahrtbeginn wirklich voll war, oder der Fahrer der Meinung war, dass es schon reichen würde. Er hatte doch vor vier Wochen erst getankt und soviel war er doch seitdem nicht gefahren. Außerdem

konnte er am frühen Morgen nicht den Schlüssel für den Tankdeckel finden.

Alle Frauen und zwei Siebzigerjahrebiker in schwarzem Harro-Leder strebten zur Toilette.

Bei einem Motorrad wurde Motoroel aufgefüllt.  Dieses war nur möglich, nachdem jemand einen schlanken Papiertrichter gewickelt hatte.

Die Hälfte der Gruppe wartete, auf dem Motorrad sitzend, auf die Weiterfahrt. Es wurde noch eine geraucht und einem mitfahrenden Kind eine kleine Fliege aus dem Auge entfernt.

Schnell war eine halbe Stunde vergangen, bis schließlich weiter gefahren werden konnte. Mit einem Pulk von siebzehn Motorrädern hangelte man sich durch die Ortschaften von Ampel zu Ampel. Im Verkehr verteilten sich die Maschinen vom Ortseingang bis zum Ortsausgang. Einige warteten am Fahrbahnrand hinter einer Ampelkreuzung auf Nachzügler und andere versuchten aufzuschließen, indem sie sich an den Pkw vorbeitasteten und bis zum Rotlicht vorfuhren, um nach der Ampel wieder rechts bei den Wartenden anzuhalten.

Als die versprengte Truppe sich gerade in den laufenden Verkehr einfädelte, kam ihnen der Cruiser Frontmann auf der Gegenfahrbahn entgegen, um nachzuschauen, wo denn alle geblieben waren. Hurtig wendete dieser mit einem lockeren Bogen über die durchgezogene  doppelte Mittellinie vor einem Linienbus, so das dieser vor Ehrfurcht einen „Diener“ machte und setzte sich wieder an die Spitze. Auf der freien Landstraße schien es, als wenn er seine „Schäfchen“ komplett im Schlepptau hätte. Das wäre in diesem Fall wichtig gewesen, weil es nicht nur eine Fahrt ins Grüne, sondern in erster Linie als eine Fahrt ins „Blaue“ geplant war. Denn nur er als Organisator und Anführer wusste, wo es den nächsten Stopp geben würde.

Plötzlich bog er nach einer Reihe von Kurven auf einen der vielen Parkplätze in der Lüneburger Heide. Undurchsichtige Büsche und Hecken verschluckten  die Motorradfahrergruppe komplett, bis auf drei  Biker die kurz hinter einem Pferdewagen warten mussten. Sie gaben anschließend richtig Gas, um die anderen einzuholen. Was ihnen nicht gelang, aber es wurde zu dritt eine tolle Ausfahrt.

Jan-Dieter Oeljeschläger

Redaktion: Bernd zu Klampen